Station 6b - Dürrenmatt Themenweg

Kritischer Geist

Als Friedrich Dürrenmatt in seinen Zwanzigern ist, wird Europa durch den Zweiten Weltkrieg in seinen Grundfesten erschüttert. Die Schweiz ist in dieser Zeit vom Krieg relativ unberührt und der junge Mann fühlt sich wie ein Gefangener in seinem eigenen Land. Er findet es grotesk, derartig verschont zu werden, und fühlt sich vom Weltgeschehen um ihn herum ausgegrenzt. Mit seinen Lieblingswaffen, der Feder und den Pinseln, prangert Dürrenmatt zeitlebens den Kapitalismus, die Profitgier und die Schweizer Politik an. Dürrenmatts Werk strotzt nur so vor Gesellschaftskritik, Satire und absurden Übertreibungen. Das Groteske unter dem Deckmantel der Konventionen wird von ihm schonungslos offengelegt. Seine Werke handelten oft von Moral und Gerechtigkeit, doch sind sie stets mit einem Schuss Humor gewürzt.
 
Anekdote I
Im November 1990 wird Dürrenmatt gebeten, die Laudatio für den angereisten tschechoslowakischen Präsidenten Václav Havel zu halten. In dieser Rede vergleicht er die Schweiz mit einem Gefängnis: „Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit. Der Schweizer hat damit den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig frei, Gefangener und Wärter ist. “. Diese Rede löste einen Skandal aus. Dürrenmatt erhält wütende Briefe, aber auch viel Zustimmung.

Anekdote II
Friedrich Dürrenmatt tritt 1942 in die Rekrutenschule ein. Für ihn besteht diese Ausbildung aus Übungen, Gebrüll und endlosem Schuhputzen. Heuschnupfengeplagt, nutzt er die Gelegenheit, und salutiert einem Briefträger aus der Kaserne und nicht dem Offizier, um anschaulich zu demonstrieren, dass er nichts sehen kann. Sein Plan geht auf: Nach einer ärztlichen Untersuchung wird er schliesslich wegen Kurzsichtigkeit entlassen und zum militärischen Hilfsdienst versetzt.
Illustration © Lucie Fiore